Die vier Fragen

I. Freitag


2006. Wir saßen in der Aula in einem Stuhlkreis direkt vor der Bühne. Der einzige Stuhl mit Armlehnen hatte links und rechts von sich etwas Abstand zu den anderen Stühlen. Der Platz war noch leer. Vor ihm stand ein kleines profanes Tischchen mit einem Drittelliter stilles Wasser halb noch im Glas, halb bereits in einem Glas. Wir waren gerade Oberstufenschüler:innen geworden und die meisten von uns saßen nun mit einer gewissen Spannung auf unseren Plätzen und schauten zum Seiteneingang, der hohen Besuch verhieß. Einige Mitschüler:innen waren natürlich selbst von dieser nahenden Begegnung nicht beeindruckt und seufzen laut vor sich hin, damit die Zeit schneller herumgehen würde. Die Lehrerin und der Lehrer scharrten nervös mit ihren Füßen. Ich wiederum legte mir schon allerlei Fragen im Kopf zurecht, die ich immer komplexer umformulierte, damit mich der Gast auch ernstnehmen würde, obwohl ich nur irgendein Schüler in einer kleinen Aula war.


Mit einer halben Stunde Verspätung trat er herein: der Bundestagsabgeordnete. Der Lehrer hatte uns bereits zweimal erklärt, wie wichtig dieser im abstrakten Berlin sei, und für die Vorstellung des Abgeordneten erklärte der Lehrer es uns und ihm nochmals. Stellen, Posten, Ausschüsse. Und trotzdem kam er hierher, um sich in der Provinz, aus der er einst selbst gekommen war, mit ein paar Schüler:innen zu unterhalten!


Der Bundestagsabgeordnete sprach von seiner Karriere und warum seine Aufgaben in Berlin so wichtig seien. Er sprach viel über Wirtschaft und Finanzen und dass am besten alle nach dem Abitur ein duales Studium machen sollten. Er erzählte auch von seinem illustren Leben in Berlin, mit wem er alles per du sei und in welchen angesagten Restaurants er zu speisen pflege. Der Abgeordnete erklärte, was gut für die Betriebe, gut für die Landwirte, gut für alle Menschen sei, in der Region und in der Republik. Er erklärte alles einfach und klar. Er nickt immer wieder zufrieden der Lehrerin und dem Lehrer zu.


Die Lehrerin und der Lehrer dankten dem Abgeordneten und eröffneten die Fragerunde. Die Schüler:innen fragten nach, wie ein duales Studium genau funktioniere und ob er auch mit der und der Person per du wäre, was manche mit anerkennenden Ohs und Ahs bedachten. Ich war über die erfragten Politikernamen zunächst erstaunt, bis mir eine Freundin meinem Stirnrunzeln einflüsterte, dass es sich um die Namen von Fußballspielern der Nationalmannschaft handelte. Er verdrehte die Augen – wohl zu deutlich. Der Bundestagsabgeordnete zeigte auf mich.

„Hast du auch eine Frage?“


Erste Frage: „Wir haben im Unterricht zuletzt viel über den Begriff der Leitkultur gesprochen. Was gehört für Sie zur Leitkultur dieses Landes?“

Erste Antwort: „Ja, das ist zuerst einmal, die Namen der Männer zu kennen, nach denen hier gefragt wurde.“ Alles lacht herzlich. „Dazu gehört z.B., dass wir ein christliches Land sind.“

Konnte er aus der Ferne meinen Davidsternanhänger sehen? (Meine Kippa trug ich noch nicht in der Schule.)


Zweite Frage: „Und was ist mit anderen Religion? Was ist mit Muslimen?“

Der Abgeordnete schaute irritiert zu der Lehrerin und dem Lehrer.

Zweite Antwort: „Die wohnen hier, ja. Und die können ihre Religion zuhause und in der Moschee ausüben. Aber die Kultur unseres Landes, von unserer Gesellschaft ist christlich. Und das haben andere auch zu respektieren, dass das so ist. Dass in eurem Foyer z.B. bestimmt jetzt auch ein Weihnachtsbaum steht.“

Meine Antwort: „Die freikirchlichen Familien unserer Schule wollten den Weihnachtsbaum dieses Jahr abschaffen. Die sind auch christlich.“

Der Abgeordnete blickte angestrengt zu der Lehrerin und dem Lehrer. Die Lehrerin schien ob meiner Frage amüsiert zu sein.


Dritte Frage: „Man spricht überall vom christlich-jüdischen oder jüdisch-christlichen Abendland. Auch die Kirchen und die Politik machen das. Welche Stellung hat das Judentum in der deutschen Leitkultur?“

Der Lehrer lächelte verschmitzt.

Dritte Antwort: „Ja, christlich-jüdisches Abendland das sagen wir so und wir sind das auch und Deutschland ist ein Teil davon und vor allem sagen wir das so, ja, und wir sind uns alle der Vergangenheit bewusst und Juden waren ein Teil von diesem Land und haben es geprägt und wir sind aber trotzdem ein christliches Land und andere Leute mit anderen Religionen müssen sich anpassen und haben nicht dieselbe Stellung in unserer Kultur und Gesellschaft.“

Was hatte er gesagt?


Vierte Frage: „Was? Also als Jude hat meine Religion in diesem Land weniger Platz? Sollten Juden an ihren Feiertagen frei haben können, weil ihre Feiertage Teil des jüdisch-christlichen Abendlands sind?“

Er musste lachen. Der Lehrer sah nervös zu mir herüber.

Vierte Antwort: „Wir haben unsere staatlichen Feiertage und die sind nun einmal zum größten Teil christlich, weil das unsere Kultur ist. Andere Leute dürfen diese Feiertage auch feiern und haben dann frei. Das gilt auch für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Aber die brauchen dann nicht an ihren eigenen Tagen frei haben. Sie und alle anderen Leute haben mit ihren Religionen einfacher weniger Platz, weil sie nicht zu der typischen Kultur in Deutschland gehören. Und da muss man sich eben anpassen. Wir sind nun einmal ein christliches Land und damit musst man sich abfinden. Da passt was anderes nicht richtig dazu. Nicht zu Deutschland.“


Ich wollte zu einer empörten fünften Frage ansetzen, aber der Lehrer stand von seinem Stuhl auf und bedankte sich hastig dazwischen grätschend für die vielen oh so spannenden Fragen. Die Lehrerin sagte, man könne ja noch im Unterricht weiter darüber sprechen. Sie bedankte sich beim Bundestagsabgeordneten und gab ihm einen Blumenstrauß. Er lud noch alle Anwesenden nach Berlin ein. Die Pausenglocke erklang, letzte Stunde vorbei.


Um mich herum nahmen Schüler:innen ihre Stühle fort. Ein Mitschüler, der mich nie besonders leiden konnte, zog seinen Stuhl knapp über meinen Kopf herüber und zwinkert mir ein gönnerhaftes „Pech gehabt!“ zu. Die Lehrerin und der Lehrer begleiteten den Abgeordneten fröhlich nach draußen. Der einzige Stuhl mit Armlehnen und das Tischchen blieben zurück. Glas und Flasche waren leer. Ich blieb mit dem leeren Abgeordnetenplatz zurück. Dieser Mann hatte mich gerade von versammelten Jahrgang aus der ersten Reihe der Gesellschaft gekickt. Von der Mitte an den Rand. Ab auf die billigen Plätze. Entweder du glaubst was ich glaube oder du existierst unter „ferner liefen“. Jüdisch-christliches Abendland? Ich bitte dich! Wer wird denn so naiv sein zu meinen, das bedeute etwas! Das sagen wir nur so.


Als ich meinen Stuhl wegbrachte, kehrte der Lehrer gerade zum Abschließen der Aula zurück. Er wollte mich aufmuntern: „Das waren schwierige Fragen. Und er ist dafür auch kein Experte. Er kann gut über Geld und Wirtschaft sprechen; damit kennt er sich aus. Aber die anderen Gebiete sind nicht seine.“ Aber war es nicht umso schlimmer, dass er das zu einem Publikum sagte, ohne sich auszukennen? Er sprach für ihn offensichtliche Wahrheiten aus, die andere auf ihre Plätze verweisen sollten. Hab einen Weihnachtsbaum, mach ein duales Studium und zücke deine Ohs und Ahs für die Nationalelf, sonst gehörst nicht zum Club.



II. Schabbat

Am nächsten Morgen saß ich nachdenklich in der Synagoge. Der Schabbatg’ttesdienst zog an mir vorüber. Vor mir unterhielten sich zwei ältere Herren in Tallitot, Gebetsmänteln, heiter auf Russisch. Herr R. kam von der Seite auf mich zu und fragte, ob in der Schule alles in Ordnung sei. Ich nickte abwinkend. Während er von einem Kinobesuch erzählte, schaute ich über die Bänke hinweg zum Torahschrein. Gehörte das alles hier nicht richtig mit dazu? Die Synagoge, das Gemeindehaus und alle und alles, was darin war? Fanden andere Menschen das so wie der Bundestagsabgeordnete nicht wirklich normal oder gleichwertig? Waren wir sonderbar oder sogar obskur für die meisten in diesem Land?


Am Abend fuhr ich mit dem Fahrrad über zwei Dörfer zu Freund:innen für eine Videonacht. Wir waren dieses Mal bei Tobi. Er, Mona, Alex und Sina waren alle nicht jüdisch. Wir schauten die Nächte durch Horrorfilme, machten dazu Popcorn, gingen nachts auf den verwaisten Straßen der westfälischen Provinz spazieren, sprangen im Dunkeln auf dem riesigen Trampolin im Garten, sprachen über Mitschüler:innen, sprachen über die Zukunft und aßen Schokolade in allen Darreichungsformen. Zwischen den Filmen spielten wir gegen 4 Uhr morgens auf Videospielkonsolen und vertrauten uns kurz vor Sonnenaufgang flüsternd Geheimnisse an. Als ich regelmäßig in die Synagoge zu gehen begann, fand ich eines Tages bei Mona ein Buch übers Judentum. Sie hatte sich über das, was mir sehr wichtig war, schlau gemacht. Das rührte mich ungemein. Wenn es ums Essen ging, war allen klar, was ich essen durfte und was nicht. Und waren wir einmal am Schabbat unterwegs, konnte ich getrost ohne etwas in meinen Taschen mitkommen, weil Alex für mich einfach mitbezahlte. Ich musste nie um etwas extra bitten, ich musste mich nie erklären. Obwohl ich eine andere Religion und andere Traditionen mitbrachte, war ich selbstverständlich wie ich war. In dieser, meiner Gruppe war ich so normal wie alle in der Gruppe. Ganz einfach. Auch mit Kippa auf dem Kopf.



III. Sonntag

Gegen 8 Uhr am Folgetag fuhr ich übermüdet den ruhigen Radweg von Tobi durch eine riesige Moorlandschaft zurück nach Hause. Es war noch ziemlich kalt und der Wind wehte scharf von vorne. Als ich mich nach einem schlingernd fahrenden Auto umdrehte, verlor ich eine der beiden Klammern, die meine Kippa auf dem Kopf hielt. Ich bremste, setzte ein paar Meter zurück, hob meine Klammer auf und überlegte, ob ich meine Kippa bei dem Gegenwind jetzt vielleicht besser wegstecken sollte. Ich nahm meine Kippa in die Hand, beschaute sie und überlegte, was der Bundestagsabgeordnete wohl gedacht und gesagt hätte, wenn er diese Kippa auf meinem Kopf gesehen hätte. Hätte er meine Fragen dann anders beantwortet? Was wäre nötig, dass er sie als so selbstverständlich und ebenbürtig zugehörig zu diesem Land betrachten könnte wie Mona, Tobi, Sina und Alex? Womöglich müsste er sich nur an den Anblick gewöhnen. Alles eine Frage der Übung. Ich setzte meine Kippa wieder auf.



IV. Montag

Und ließ sie auf. Heute trug ich sie zum ersten Mal in der Schule.

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