Gute Juden, schlechte Juden, repräsentative Juden

Wir machen es uns im Allgemeinen leicht, Menschen in gute und schlechte zu unterscheiden. Das ist im Speziellen mit jüdischen Menschen nicht anders, wahrscheinlich sogar einfacher. Henryk M. Broder warf der deutschen Mehrheitsgesellschaft mehr als einmal vor, eigentlich nur tote Juden, die Opfer der Shoah, zu mögen, während sie ihr Problem mit lebenden Juden habe. Hans Rosenthal galt der deutschen Öffentlichkeit definitiv als gut, Michel Friedman zeitweise zumindest als sehr schlecht, Marcel Reich-Ranicki wurde mit den Jahren als gut entdeckt. Juden, die als zu jüdisch begriffen werden, sind auch schlecht. Sehen sie zu apart aus, sprechen sie eigentümlich, halten sie ihre Gesetze zu streng ein, setzen sie auf Heiratsvermittlung statt auf Romantik, dann kommen sie nicht gut in der Öffentlichkeit an. Spätestens seit der Netflix-Anthologie „Unorthodox“ ist das Verdikt über „ultraorthodoxe“ Juden in der deutschen Mehrheitsgesellschaft gefallen: definitiv schlechte Menschen.


Viele Vorstellungen, die heute mit charedischen („ultraorthodoxen“) Juden verknüpft werden, gibt es schon seit dem antisemitisch aufgeladenen Topos des „Ostjuden“. Der Jude aus Osteuropa, der nicht westlich, nicht angepasst genug war, der als zu primitiv oder zumindest archaisch galt, dem Arbeitsscheue, Unehrlichkeit, oft Verwahrlosung nachgesagt wurden. Der „Ostjude“ galt vielen Antisemiten als der enttarnte, assimilierte „Westjude“. Für Antisemiten war der „Ostjude“ indes keine weit entfernte Gestalt; durch Migration hatte es vor der Shoah Juden aus osteuropäischen Ländern in allerhand deutschen Städten und Gemeinden gegeben. Ihre Präsenz sorgte im Übrigen auch bei vielen deutschen Juden für Unmut, die fürchteten, ihre Reputation werde durch das Bild vom „Ostjuden“ noch stärker in Mitleidenschaft gezogen – so als würden Antisemiten tatsächlich zwischen guten und schlechten Juden unterscheiden.


Noch heute sorgt es sowohl in der deutschen Mehrheitsgesellschaft als auch in innerjüdischen Diskursen für Irritation, Wut und Ablehnung, wenn die falschen Juden als partes pro toto für die Gesamtheit der Juden herangezogen werden. Man erinnere sich etwa an das Jahr 2019, als das „Spiegel Geschichte“-Cover zu „Jüdisches Leben in Deutschland“ Aufsehen erregte. Neben dem exotisierenden Untertitel „Die unbekannte Welt nebenan“ war es doch vor allem die Abbildung, die für Empörung sorgte: zwei „Ostjuden“, die viel zu traditionell gewandet waren! „Ultraorthodoxe“, die doch gar nicht repräsentativ gewesen seien! Purer Exotismus, gar keine guten normalen Juden! – Vor der Shoah hätte man von Berlin bis Mannheim, von Hamburg bis München durchaus Herren in traditioneller osteuropäisch-jüdischer Bekleidung antreffen können. Sie waren definitiv eine Minderheit unter den Juden in Deutschland, aber es gab sie. Der Hauptvorschlag für ein besseres, ja ein repräsentativeres (!) Motiv war damals übrigens doch bitte jüdische Persönlichkeiten wie Einstein, Heine und Marx abzubilden, so als wären derart herausragende Gestalten auch nur irgend geartet repräsentativer.


Selbst derzeit streiten Juden wie Nichtjuden in Kommentarspalten der sozialen Medien darüber, inwiefern die Gäste der durchaus unterhaltsamen und kurzweiligen WDR-Sendung „Freitagnacht Jews“ eigentlich ausreichend repräsentativ seien – zumeist auch mit dem Blick darauf, wer als guter oder schlechter Repräsentant erachtet wird. Da liest man: zu viel Berlin, zu jung, zu viele Kulturschaffende, zu wenige Religiöse oder auch zu viele, die eigentlich gar keine Juden nach traditioneller Definition seien. Aber wer soll schon repräsentativ sein? Bei nur 100.000 bis 150.000 Juden in Deutschland kann man getrost die Suche nach Repräsentativität aufgeben. Denn die einzige Person, die für einen großen Teil des Judentum in Deutschland steht, sieht und hört man nie in den Medien: die etwa 70-jährige jüdische Ukrainerin, die womöglich an jüdischen Gemeindeaktivitäten aus ganz vielschichtigen Motiven teilnimmt und weder gewählte Gemeindefunktionärin ist noch mediale Bekanntheit erworben hat.


Sowohl innerjüdische Diskurse, politische und kulturelle Veranstalter als auch die Redaktionen von Zeitschriften und Fernsehformaten können die Frage nach Repräsentativität gern ad acta legen und sich damit vielleicht ja auch das Kategorisieren von guten und schlechten Juden wenigstens etwas schwerer machen. Der Repräsentant wird gewiss in irgendeiner Hinsicht repräsentativ sein: für die jungen Israelis in Berlin, für Shoah-Überlebende, für die traditionellen alteingesessenen Familien in München, Frankfurt oder im Rheinland, für die Juden liberaler Gemeinden in Norddeutschland, für Chabadniks, für Konvertiten, für alteingesessene Vaterjuden, für persische Juden in Schwaben, afghanische Juden in Hamburg, für orthodox gewordene russische Mittzwanziger und für ukrainische Senorinnen.


Und bis zu seinem Tod 2018 im hundertsten Lebensjahr hätte man auch Srulik S. als Repräsentant der derzeit als so schlecht begriffenen „ultraorthodoxen“ Juden einladen können, um einmal etwas jenseits der immer gleichen eindimensionalen Bilder von religiösen Fanatikern zu haben (auch wenn er nur so viele Jahre wie nötig im Nachkriegsdeutschland verbracht hatte). Srulik, Koseform von Jissroel, war 19 Jahre alt gewesen, als seine Heimatstadt Budapest durch den so genannten „Anschluss“ ein Teil von Nazideutschland wurde. Ich weiß nicht, was seine erste Reaktion darauf gewesen sein mag. Ob es für ihn Unsicherheit oder bereits Angst bedeutet hatte oder ob er sich noch nichts dabei dachte, denken konnte. Weil er an die Schwierigkeiten in seinem eigenen täglichen Leben denken musste. Er stammte aus einer größeren armen Familie oder zumindest aus einer Familie, die sich nicht Größeres oder gar Bedeutendes leisten konnte, und hatte sechs Geschwister. So begann er meistens die Geschichte seines Lebens zu erzählen, wie ich weiß.


Ich habe diese Lebensgeschichte nie ganz gehört. Srulik existiert für mich nur in erzählten Fragmenten, wimpernschlägig kurze Schlaglichter auf ein Jahrhundert Menschenleben. Ich weiß nicht einmal, wie und wann genau er mit vier seiner Geschwister in die USA fliehen konnte. Niemand hat es mir je richtig erzählen können. Die meisten seiner entfernteren Verwandten kannten ihn bloß von wenigen Telefonaten, nur wenige Familienmitglieder aus seiner Generation hatten ihn über die Jahrzehnte hinweg ab und zu besucht. Sie wohnten lang in derselben Nachbarschaft in Brooklyn. Srulik lebte zunächst mit seiner Frau Henny zusammen, nach ihrem Tod bereits in den 70ern allein. Auch Henny hatte aus Ungarn gestammt, allerdings nicht aus Budapest, sondern einem Ort namens Munkatsh.


Srulik hatte seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln immer wieder erzählt, wie sehr er als Kind die wohlhabenden Budapester – Juden wie Nichtjuden – bewundert hatte, wenn sie in schicken Anzügen und wertiger pelzbesetzter Kleidung über die Straßen eilten oder flanierten. Er konnte anderen auch Jahrzehnte später noch die Mäntel, Stolas, Handschuhe, Manschetten, Kopfbedeckungen aller Art, Muffs, Handschuhe und sogar Gamaschen aus Pelz en detail beschreiben. Ein richtiger Pelzmantel oder feiertägliche Pelzhüte wie ein edler Shtreimel oder Kolpik waren für seine Familienmitglieder damals unerschwinglich gewesen. Aber derlei Kopfbedeckungen finden sich nur im chassidischen Judentum und seine Familie war traditionell orthodox gewesen.


Er hatte schon als Jugendlicher in Budapest hart in einer Fabrik geschuftet und auch in Amerika arbeitete er unermüdlich, weil er – so war es seine Losung – den Stand und Status der Menschen bekommen wollte, die er schon als Kind so bewundert hatte. Menschen, die nie hungern mussten, nie verzichten mussten. Srulik gelang der Klassenaufstieg. Er besaß irgendwann mehrere Geschäfte und auch, wenn man mir gewiss schon einige Male erzählt haben wird, was es für Geschäfte waren, kann ich mich nicht mehr erinnern, was er eigentlich alles verkaufte. Ich weiß nur, dass sie nicht mit einer seiner beiden großen Leidenschaften zu tun hatten: alte Pelzkleidungsstücke und alte Bücher auf Hebräisch, Jiddisch, Ungarisch, Deutsch und später auch auf Englisch. Er kaufte von beidem niemals Neuware, sondern stets schon getragene Pelzobjekte und gelesene Bücher. So als bliebe an den gebrauchten Dingen etwas vom Wohlstand und der Bildung der Vorbesitzer haften, die man sich eigentlich anstatt der bloßen Objekte zu eigen machen wollte. Oder so als könnte man mit diesen Fragmenten die Idee einer guten Welt konservieren.


Srulik sprach ausschließlich über diese beiden Sammelleidenschaften, mit denen er mehrere Räume anfüllte, außerdem über seine Geschäfte sowie von der in seinen Augen schönsten Metropole der Welt: Budapest der Vorkriegszeit. Nach dem Krieg und wenigen Monaten oder Jahren in einem DP-Camp auf deutschem Boden hatte er nie wieder Ungarn oder Europa betreten, er ignorierte die Existenz von allem, was die ersten zwanzig Jahre seines Lebens seine Heimat gewesen war: seine Stadt, sein Land, seinen Kontinent. Srulik sprach auch nie über die Deutschen, ihre antisemitischen Gesetze, die Shoah oder das DP-Camp. Er hatte niemals jemanden darüber aufgeklärt, wie und wo er seine Frau kennen gelernt hatte, warum sie keine Verwandten mehr hatte oder wie er sich von seinen Eltern und zwei seiner Geschwister verabschieden musste.


Doch Srulik pflegte sein altes Budapest in seinen Pelzen und Lettern. Vor allem seit dem Tod seiner Frau. Nach ihrem Versterben arbeitete er umso mehr, nur noch. Seine Angst vor einem sozialen Abstieg wurde mit den Jahren und wachsendem Wohlstand größer anstatt kleiner. Er schloss sich außerdem nur Wochen nach Hennys Tod mit knapp fünfzig Jahren einer chassidischen Gruppierung an (nachdem er Jahrzehnte lang dem konservativen Judentum angehört hatte). Diese Munkatcher Chassidim entstammten dem Heimatort seiner Frau, was darauf schließen lässt, dass es sich bei diesem Akt um den letzten Wunsch von Henny gehandelt haben mag, es eine Art Liebesbeweis war oder das Bemühen darstellte, ihr auch nach dem Tod noch nah sein zu können. Oder alles davon. Srulik wurde jedenfalls ein treuer Anhänger des Munkatcher Rebben, der auch gar nicht unweit von seiner Nachbarschaft seinen hoyf, also Hof, führte und noch immer führt.


Ich muss gestehen, dass ich bis zum Tod von Srulik nicht einmal gewusst hatte, dass er in der ersten Hälfte seines Lebens kein Chassid gewesen war. Die ältesten Fotos, die ich je von ihm gesehen habe, waren bereits aus den 80ern, als er schon chassidisch lebte, sich entsprechend kleidete und einen prächtigen Bart und Peyes, Schläfenlocken, trug. Niemand aber von seinen Kindern und Kindeskindern wurde chassidisch. Einige sind modernorthodox, andere konservativ, wieder andere säkular. Ich hatte umgekehrt stets lang angenommen, sie hätten das chassidische Judentum verlassen.


Srulik starb in seinem hundertsten Lebensjahr. Seine wuselige Nichte L. kümmerte sich um seinen nicht-monetären Nachlass: allerhand Pelzwaren und Myriaden von Büchern. Darunter waren auch Bücher aus seiner alten Strömung wie der Siddur Lev Shalem, ein Gebetbuch für den Schabbat und teilweise für die Feiertage, sowie Etz Hayim, eine Torahausgabe mit einem durchgängigen Kommentar. Dieser Siddur von Srulik ist erst aus dem Jahr 2016 und enthält hinten in einer Sektion voller Segensprüche zu besonderen Anlässen auch solche für eine Adoption, wahlweise in einer Formulierung für heterosexuelle Eltern, Alleinerziehende und gleichgeschlechtliche Eltern. Auch die Segensprüche für die Eheschließung enthalten mehrere Fassungen so wie es auch der Segen für den Seved Bat tut, die Namensgebungszeremonie für neugeborene Mädchen. Auch nach einem halben Jahrhundert Chassidismus scheint er den Sforim aus seiner ehemaligen Strömung nicht abgeneigt gewesen zu sein. Oder aber er sammelte sie, um etwas von seiner Vergangenheit präsent um sich zu haben. So wie seine jiddischen Bücher aus Ungarn.


Ich hätte Srulik gern kennen gelernt. Ich hätte mich gern lang und viel mit ihm unterhalten, mit ihm alte Bücher durchgesehen und ihn nach all seinen pelzigen Sammlerstücken ausgefragt. Und was ist das, Srulik? Und das? Wie lange hält sich denn so ein Pelz? Und den Pelzhut trägt man am Schabbat und den hier unter der Woche und den anderen an kleineren Feiertagen, ja? Kommt davon auch etwas aus Ungarn? Und woher genau kommst du eigentlich? Wie sah dein Kinderzimmer aus? Was wolltest du einmal werden? – Hast du dich von allen verabschieden können? Hast du jemanden wiedersehen können, der nicht direkt mit dir mitgeflohen war? Und wie war es, vom Schiff aus die Freiheitsstatue zu sehen? War damals auf eben diesem Schiff schon Henny? Oder hast du sie davor im DP-Camp oder danach kennen gelernt? Wie habt ihr das alles geschafft, euch ein Leben aufzubauen in New York? Wann konntest du dir deinen ersten Pelzmantel kaufen und was war das für ein Gefühl? Und warum dann einen gebrauchten? Warum bist du später zum Rebben gegangen? Welches Buch ist dein liebstes? Welches würdest du für mich aussuchen, Srulik? Welche Kopfbedeckung dächtest du mir zu?


Den in summa wenigen Dingen, die ich von ihm hörte, nach zu urteilen, war Srulik durch hundert Jahre Erfahrungen gewiss ein an unzählbaren Facetten und Anekdoten reicher Mensch. Ein „ultraorthodox“ Gewordener, wie tatsächlich viele damals „ultraorthodox“ geworden waren. Ein Mensch aus drei Welten mit drei Leben, die in keinem Buch niedergeschrieben stehen, aber enigmatische Überbleibsel aus Nähe und Unerreichbarkeit hinterlassen. Und ich würde hinzufügen: ein guter Jude.

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