II. Korrespondenz Max - Sasha

Säääsh,

du hast völlig Recht, die Geschichte mit der Sendung ist echt was fürs Lehrbuch "Wie man ein Jude für Deutsche wird". Zusammen mit der Szene, wo die Moderatorin sagte, sie hätte gerne eine Anleitung für "meinen ersten Juden". Erst dachten wir, es handelt sich um einen Witz. Aber als ich dann meinte, das machen wir zum Titel unserer nächsten Performance, antwortete sie: "Neinein, so heißt mein erstes Buch". Priceless.


Ich fragte mich noch eine Weile, ob sie lustig sein wollte oder das ernst meinte. Aber nach dem Kommentar über das armenische Handlungsgeschick (merke: Vorurteile über Armenier ähneln Vorurteilen über Juden nicht selten) und der Nummer mit der Traurigkeit darüber, dass wir meinen, dass nie wieder alles gut wird, war eigentlich klar, aus welcher extrem unironischen Richtung der Wind weht.


Speaking of Witze, ich verbringe meine Zeit ja wie du richtig angemerkt hast, zu viel im Internet. Heute stieß ich auf einen Wettbewerb zwischen Alman und Bratan, ein Deutscher und ein Russe sitzen einander gegenüber und erzählen sich Witze. Wer lacht, bekommt einen Punkt. Wer am Ende am meisten Punkte hat, verliert. Und da ist doch allein das Konzept, dass, wer weniger lacht, gewinnt, ein Joke über Almans. Apropos, kennst du den schon: Was ist ein Deutscher im Weltraum? - ein Allman.


Wie gut deine Songreihe zu unserem Leben gerade passt: „Under Pressure“, „Kiss“, „Jews don´t cry“ und „We can be heroes just for one day“. Dieser Spotify-Algorhitmus kennt uns nicht nur gut, er ist das moderne Orakel von Delphi. Und seine Phythia ist Edward Snowden, der wir endlos Fragen stellen können und sie antwortet bloß: "zieht erst mal den Smart-TV aus der Wand und macht das Handy aus. Und dann werde ich euch die Zukunft verraten.“ Was würden wir fragen? Nicht nur aus Spaß, sondern ernsthaft. Und was würden wir anders machen? Oder anders gesagt: wissen wir nicht eigentlich schon genau, wie die ganze Sache enden wird. Und ist Schreiben nicht eine Möglichkeit, dieser Gewissheit ein Trotzdem entgegen zu setzen. Ein: dann machen wir uns die Zeit eben so gut, wie es geht. Ein: ich will es am Ende zumindest probiert haben.


Wir machen diese Emailreihe ja als Teil eines Blogprojekts mit dem Titel „Echokammern des Hasses“. Irgendwie habe ich das Gefühl, auf eine bestimmten verfehlen wir hier das Thema. Und auf einer anderen sind wir so nah dran, wie nur Literatur das kann. Wir könnten natürlich auch einsteigen damit, zu schreiben, dass wir Gewalt blöd finden. Und dass der Hass besonders Minderheiten trifft, was gerade in Deutschland eine große Gefahr bedeutet, weil hier der Weg zwischen Wort und Vernichtung schon immer sehr kurz gewesen ist. Aber was wäre das für eine Literatur?


Nein, Literatur beklagt sich nicht. Literatur ist wie dieser Jude im jüdischsten Metawitz aller Metawitze, der sich einen Joke erzählen lässt und, anstatt zu lachen, sagt: den kenne ich schon und einen besseren erzählt. Ist Literatur nicht genau das, wenn sie gut ist: ein Wissen darum, dass die Realität eine verdammte Serie ist, bei der alle guten Hauptfiguren zu früh sterben, mit einem konstruierten Plot und furchtbarer Ausstattung. Ein ich habe den ganzen Shit schon mal gesehen. Man weiß, wie die Geschichte weitergeht. Und jetzt erzählen wir eine bessere?


Weißt du noch, wie wir 2017 zusammen nach Südportugal gefahren sind, um die Hochzeit eines guten Freundes zu feiern? Ich dachte anfangs, was für eine durchgeknallte und unnötige Sache, für so ein Ritual ans andere Ende Europas zu reisen, aber dieses Erlebnis geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Damals war gerade die AfD in den Bundestag eingezogen, wir befanden uns zwischen einem schönen 27. September und Tag der sogenannten deutschen Einheit und ein bisschen fühlte sich diese Reise an wie eine Flucht. Ein Gefühl, als würde die eigene Gegenwart kurz flackern und zu schwarz-weiß wechseln, bevor die Farbe in die Blumen, das Meer und den Pool zurückfloss, an dem wir das Brautpaar erst am Strand und dann unter einer Chuppah vermählten.


Ich erinnere mich, dass ich die politische Entwicklung damals genau so erlebt, als träte nun ein, was ich irgendwie schon immer gewusst hatte. Eine fast schon körperliche Erinnerung, die mir meine Vorfahren übermittelt hatten und die mir nun klar machte, dass es wieder losging. Kein Gefühl der Überraschung, nirgendwo. Und ich weiß das klingt jetzt irgendwie unglaubwürdig, aber ich meine das nicht fatalistisch. Die Geschichte ist kein Zug auf einer Schiene, sondern ein Hase in endloser Flucht nach vorne. Du weißt nicht, welchen Haken er als nächstes schlägt. Aber du weißt, dass er rennen muss. Ich erinnere mich, dass die portugiesischen Wolken zum Sonnenuntergang angestrahlt wurden und ich dachte, wie schön wäre es, man könnte diese Erde durch einen dieser glühenden Wolkenpässe verlassen. Und hätte mal keine Ahnung, was anschließend geschieht.


Und damit komme zurück zur Moderatorin, die wissen wollte: Warum seid ihr da? Warum fühlt ihr so? Warum kann das nicht endlich mal vorbei sein? Und auf solche Fragen antworten wir, haben wir seit dem Desintegrationskongress geantwortet: so läuft das Spiel nicht. Ein paar Millionen Menschen umbringen, etwas Geld zurückgeben aber die Silberlöffel behalten, ein paar Buß- und Bettage und dann Schwamm drüber? Nein, das ist eine Fehlwahrnehmung. Die Frage nach der versöhnlichen Kunst ist Teil eines Begehrens der Täter*innen, die sich zu jeder Zeit wünschen, dass ihre Taten folgenlos bleiben. Und das können wir nicht zulassen.


Zugleich sind wir ja ebenfalls auf eine Suche nach einem Jenseits der Diskriminierung, einem Ort, der uns etwas anderes erlaubt, die Passage jenes glühenden Wolkenpasses in Portugal. Aber wir suchen aus anderen Gründen. Und das ist dann doch unser Problem, oder, dass sich diese beide Seiten wie Geraden in der Hoffnung schneiden, dass es anders wird?


Vielleicht bräuchte es als Reaktion ein doppeltes Schreiben: eines, was die eigene Hoffnungslosigkeit bearbeitet, als wäre man nicht schon immer der Andere, und zugleich darauf beharrt, dass nie wieder alles gut wird. Eine Poetik des Trotzdem vielleicht, die ein Ort sein könnte für die literarische Dreifaltigkeit: Wut, Traurigkeit und Weiter Geht's. Oder, wie es die Überlebenden von Hanau fordern: ein Schreiben, was immer auch Erinnerung wäre. Und eine Erinnerung, die Veränderung bedeutet. Weil es so, wie es ist, nicht bleiben darf.


...was ich noch darüber hinaus noch sagen will: Wenn deine Infos zu Radio Ruski und Dfunk stimmt, wäre das die bedeutendste Entwicklung seit dem Sieg des freiheitlichen Kapitalismus über den antifaschistischen Kommunismus. Yuriy Gurzhy als DJ auf allen Sendeplätzen. Das wäre dann wohl eine Sache, die uns auf der Bühne wieder niemand glauben würde. Zu cheesy, könnte man in den Kritiken lesen, zu konstruiert. Und sie hätten Recht.

Ich drück dich, Jews do cry, von einem Stolperstein,

Max

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