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III. Korrespondenz Sasha - Max

Canim Max,


so ist es wohl – wir haben genug Wut und Trauer für alle und darum sind die Locken mir schwer. Ich schaute neulich auf dem einzigen unabhängigen russischen Kanal die Anti-Putin Proteste in ganz Russland und danach wollte ich mich auf mein Bett legen, das danebenliegende Magazin über die Augen ziehen, verschwinden, und gleichzeitig irgendetwas zerstören. Was man sehen konnte, waren nur Bullen, die auf Demonstrierende einschlugen. Schlagstöcke, Schreie, einen ganzen Tag lang. Die Kreml-Gegner, die sich hinter Nawalny formierten, riefen zu Protesten auf und schon lange vorher hatte es geheißen, die russische Bevölkerung versuche jetzt auch Aufstände wie in Belarus. Belarus ist ja auch inspirierend – und beängstigend – und Mut machend. Für mich ist es das „Trotzdem“, das du beschreibst. Widerstand als ein poetisches TROTZDEM. Natürlich ist die Lage wenig aussichtsreich, ABER WIR LEBEN, weil wir widersprechen. Man kann uns sehen. Die Moskauer Intellektuelle Maria Stepanova hatte in einem Essay geschrieben, sie hoffe so sehr, dass die russische Öffentlichkeit noch nicht tot sei. Auf doschd.tv.ru konntest du dann sehen: sie lebt und wird niedergeknüppelt. Sie hält Plakate hoch: WIR HABEN KEINE ANGST. Tausende sind bis jetzt verhaftet. Aber die Öffentlichkeit ist nicht tot. Sie flutet die Straßen.

Es ist nicht wichtig, dass die Machthaber das Ereignis herunterspielen. Dass Putin behauptet, die Demonstrationen seien von den USA geleitet gewesen. Die Menschen sind an diesem Tag aufgewacht und wussten, sie sind noch da.

Auffällig für mich ist auch, dass die russisch-jüdische Mischpoche, die meine Familie umgibt, aufseiten Putins ist. Auch die, die mich und meine Frau zum Essen einladen, für uns Vorschmack zubereiten, für uns eingelegte Salzdillgurken bereithalten. All jene netten Menschen, all jene Perestroika-Zombies. So ist es vielleicht mit den meisten Emigrierten, sie bleiben schreckstarr in einer Zeitschleife hängen und wählen die Reaktionären (die Autokraten, wenn man sie denn wählen kann), weil sie es nicht aushalten können, dass die Welt sich weiterdreht. Keine Kapazitäten für Komplexitäten. Sag mir, wer der Böse ist, dann hat mein Tag Struktur. Gerade jetzt können das besonders viele nachvollziehen, mitten in der Pandemie, in der alle Tage zu einem Brei zerkochen, der durch keine klaren Arbeitsstunden und Wochenenden markiert ist. Alles ist immer. Und immer ist nichts. Wir könnten jeden Tag Shabbat shalom sagen. Die Sonne geht unter, geht auf. Wir trinken so viel es geht, rauchen, was gerade so zur Hand ist.

Es ist 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland und ich stelle mir vor, dass du auch so voll mit Anfragen bist, dazu Stellung zu nehmen. Dabei hast du mit den von dir initiierten Tagen der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur mehr als deutlich Position bezogen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie fremd mir diese deutsch-jüdische Feier ist. Um nicht zu sagen, sie klingt in meinen Ohren wie ein (lahmer) Witz. Als sagte das eine Kind zu seinen Geschwistern: Toll, dass die Eltern 70 Jahre verheiratet sind! Und die Geschwister geben zu bedenken: Na ja, das eine Elternteil hat das andere misshandelt, enteignet, mehrmals versucht umzubringen, und wenn Gäste vorbeikamen, für die Kamera die richtige Pose eingenommen …

Aber vielleicht übersehe ich bei dieser 1700-jährigen Feier auch etwas. Ich fühle mich nicht angesprochen, auch bei den ganzen Anfragen bzgl. der online stattfinden Formate nicht. Mein jüdisches Leben hat nichts mit Deutschland zu tun, es hat mit der Mischpoke zu tun, die sich über die Kreml-Proteste lustig macht und mich zu sich einlädt, auch wenn sie wissen, dass wir uns streiten werden. Meine Juden, das sind die, die nicht wissen, wo die nächste Synagoge steht. Warum man sein Genital beschneiden soll. Sie kennen keinen Unterschied zwischen Purim und Pessach. Für sie ist Schweinespeck eine Delikatesse. Sie sprechen alle Sprachen, aber nur schlecht Jiddisch (Hebräisch schon mal gar nicht). Meine Juden reden nicht von Kontinuitäten ihres (Über-)Lebens, sie tragen Schiebermützen im Gastarbeiter-Style und sagen Lechaim, wenn sie Wodka aus der Flasche kippen. Sie erzählen sich gemeine Witze. Sie waren nie der Illusion erlegen, sie gehörten irgendwo dazu. Das hat sich einfach nie ergeben.

Ich sage „Meine Juden“ ohne Stolz und ganz bestimmt ohne zärtlich Gefühle. Nichts läge mir ferner, als ein Volk zu romantisieren oder mir etwas auf seine angeblichen Errungenschaften einzubilden. Die Erfolge einzelner gehören nur ihr oder ihm. Ich möchte nicht, dass man von mir auf „die Meinigen“ schließt und ich nehme an, dass „die Meinigen“ das auch nicht wollen.

Zum Thema (Über-)Leben in Deutschland: Bei der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin blieb mir besonders die Wand mit ausgestellten Grabsteinen in Erinnerung. Anfangs sieht man Grabsteine mit hebräischer Inschrift. Dann steht das Hebräisch vorne, Deutsch findet man auf der Rückseite. Der nächste Schritt ist, dass der Name der Verstorbenen, und die Wünsche dazu, vorne auf Deutsch in den Stein gemeißelt sind, das Hebräische wandert nach hinten. Als nächstes sind die Buchstaben nur noch auf Deutsch, die Rückseiten bleiben kahl. Aber dann, als nächsten Schritt, siehst du Deutsch und Russisch, beides auf der Vorderseite. Ich warte, bis nur noch das Russische übrigbleibt. Das wird dann meine Generation sein. Um mein Todesdatum sollen Louis Vuitton Logos eingraviert werden, drei Adidas-Streifen müssen rechts an meinem Namen vorbeiziehen und eine Schiebermütze aus weißem Stein auf dem Grabstein wünsche ich mir auch. Was für Musik laufen soll, versteht sich von selbst: Radio Yuriy Gurzhy. Der hört neuerdings viel die Israelin Liraz, schrieb er mir, sie singe so schön auf Farsi. Hör es dir an! Und wir tanzen gemeinsam in unseren Küchen.

Lechaim. Ich denk an dich, aus Weißensee,

Sasha

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