IV. Korrespondenz Max - Sasha

Chamudi,


immer wieder, wenn ich über diese 1700 Jahre jüdisches Leben Feier in Deutschland nachdenke, fällt mir der diesjährige 27. Januar ein. Lieblingsstory: ein paar Aktivist*innen hatten das sogenannte Gonsenheimer Ehrenmal in Mainz mit Farbe bearbeitet und dazu den Spruch "Kein Gedenken für Mörder" auf den Sockel gesprüht. Verständlich, wenn man bedenkt, dass das Denkmal unter Anderem eine Tafel schmückt, auf der fünf stahlbehelmte Männer unter dem Schriftzug 1939-1945 einen Toten tragen, auf einer weiteren Tafel steht "Für unser Volk", auf einer dritten "Im Gehorsam". Das ist so offensichtlich Täter*innengedenken und so wenig überraschend wie die Glocke, auf der man 2018 in Schweringen ein Hakenkreuz entdeckte und die offensichtlich dort seit dem Nationalsozialismus gehangen hatte, ohne größere Irritationen hervorzurufen.

Zurück zum Mainzer Fall. Krass und wenig überraschend fiel auch die Reaktion der CDU Ortsvorsitzenden Sabine Flegel aus, die auf die Aktion am Gonsenheimer Schandmal mit folgendem Tweet reagierte "Heute zum Holocaust Gedenktag bin ich über alle Maßen entsetzt, über das, was in manchen wirren Köpfen durchgeht. Verrückte und Geschichtsvergessene haben das Gonsenheimer Ehrenmal geschändet! Wer etwas Verdächtiges beobachtet hat, kanns gerne bei mir melden. #weremember". Not bad. Kollegin Flegel verbindet hier nicht nur die Trauer über die gefallenen Wehrmachtssoldat*innen mit dem Holocaust Gedenktag. Sondern ruft auch noch in guter deutscher Tradition zur Denunziation auf.


Der Tweet ist übrigens mittlerweile gelöscht, aber was bringt Löschen, wenn ich vorher einen Screenshot gemacht habe. Eine ähnliche Aussage wurde von der Jungen Union Mainz auf Instagram formuliert, der Post ist so weit ich weiß noch da. Man hat nur die Kommentarfunktion abgestellt. Noch so eine deutsche Tradition. Wie stets stellte also auch der 27. Januar 2021 ausreichend Material bereit, um das Gedächtnistheaters in seiner ganzen Abgründigkeit und in seiner Funktionalität für ein deutsches postnationalsozialistisches Wir zu erfassen. Das Holocaust-Gedenken scheint in manchen Kreisen tatsächlich als Ausdruck einer Volkstrauer von SS bis Juden verstanden zu werden – und zwar so unwidersprochen und unberührt von jeder Kritik, dass man die eigene Empörung sogar in öffentlichen Statements formuliert: Im Krieg sind alle Opfer! Kein Wort davon, dass die einen versuchten, die Welt zu erobern und die anderen vernichtet wurden.


In diese Inszenierung haben wir ja schon vor fünf Jahren interveniert, als wir den Besucher*innen zum Desintegrationskongress einen Bastelbogen für eine Kippa ausgehändigt haben und riefen: Spielt euer Theater doch alleine. Wenn Erinnerung an die Shoah in Deutschland immer Versöhnung mit der Täter*innengesellschaft inklusive ihrer Wehrmachtsopas bedeuten muss, dann wollen wir sie nicht. Und ich schreibe es hier noch mal, wobei das ja eigentlich klar sein sollte: Wir hier, dort ihr. Alle Sympathien für die Farbbeutel auf Denkmälern, die die toten Wehrmachtssoldat*innen als Opfer des deutschen Volkes verklären. Und auch für die Aktivist*innen, die, nachdem die Gemeinde Schwesing entschieden hatte, ihre Naziglocke als Mahnung (haha!) hängen zu lassen, auf den Kirchturm stiegen und das Hakenkreuz wegflexten. Ein Hallelujah auf die Flex!


Säsh, seitdem ich mit dir versuche, in diesem Austausch die Gegenwart zu ordnen, suche ich auch nach einer Metapher, die das Gefühl des fortwährenden Niedergangs beschreibt, von dem ich schon mehrfach geschrieben habe. Das besondere an diesem Gefühl ist, dass man zwar permanent meint, abzusinken, aber niemals irgendwo aufschlägt. Beispiel Donald Trump: war das nicht eine endlose Folge von Tiefpunkten, ohne das je ein Boden in Sichtweite kam? Stattdessen ging es einfach weiter nach unten. Als ich deine letzte Mail las, kam mir endlich ein Bild in den Kopf, mit dem ich dieses Gefühl beschreiben konnte. Nämlich die Mönche auf einer unendlichen Treppe von MC Escher[1].


Was braucht es, um diesem Gedächtnistheater etwas entgegenzusetzen? Diesem endlosen Niedergang? Und da möchte ich doppelt unterstreichen, was du von der Mischpoke schreibst. Diese Familie ist das Gegengewicht, dass es braucht, um überhaupt so etwas wie eine Alternative denken zu können. Die lange jüdisch-postmigrantische-queere-schwarze-sintiundroma Tafel, der erst im Ballhaus Naunynstraße, dann im Maxim Gorki Thearer aufgeschlagen wurde, die Jüdische Schule in Berlin, die ich 13 Jahre lang besuchte, das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, in dem ich lernte, dass man auch denkend jüdisch sein kann - und jüdisch denken. Man braucht diese Familie, diese Netzwerke, die Verbindungen. Alleine ist man erledigt, zusammen erledigt man das.


Am Ende liegen wir dann zusammen, am Kopfende die Grabsteine mit Adidasstreifen. Und dazu fällt mir nicht ganz zufällig eine chassidische Geschichte über den Legendenrabbi Baal-schem Tov ein, die der jüdische Autor Schmuel Josef Agnon überliefert und die in den meisten Pessach-Haggadot enthalten ist, in denen der liturgische Ablauf des Festes festgelegt ist:


„Wenn der Baal-schem etwas Schwieriges zu erledigen hatte..., dann ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete ein Feuer an und sprach, in mystischer Meditation versunken, Gebete- und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation später Rabbi Dow-Bär, der Maggid von Mesritsch, dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Wald und sagte: 'Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen'- und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation später sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: 'Wir können kein Feuer mehr anzünden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben; aber wir kennen den Ort im Wald, wo all das hingehört, und das muß genügen'. Und es genügte.“


Und es genügte, was für ein tröstlicher Spruch! Denn ich fürchte, auch die Geschichte, von der Agnon berichtet, spielt sich auf Eschers endloser Treppe ab. Wir vergessen immer, ohne dass das Vergessen jemals vollständig ist. Und wir erledigen die notwendigen Dinge weiterhin, die auch unsere Vorfahren erledigen mussten und erledigt haben um zu überleben. Und das Vergessen ist groß, ist das schwarze Loch, das nach der Implosion der Erwartung und Zuversicht entstanden ist, beugt sogar das Licht, welches aus der Gegenwart die Netzhaut trifft. Wir haben fast alles vergessen. Hoffen wir, dass das, was wir noch wissen, auch in unseren Zeiten genügt.


Ich drück dich und sende Grüße aus dem Krojzberg,

Dein Max

[1] http://www.mathe.tu-freiberg.de/~hebisch/cafe/mce/treppauftreppab.html

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