kaputt besetzt

Gerade hatte ich Imads Bemerkung tröstlich gefunden, er hatte geschrieben,

dass er wieder Mut fassen würde oder so ähnlich, gleich ob es von mir geschrieben sei oder eben von jemandem, den er nicht persönlich kenne. Etwas Hoffnung käme auf. Allerdings dominiere die Verzweiflung über die ziemlich zementierten Machtverhältnisse in diesen Un-Diskursen. Jetzt höre ich mir die Kommentare über antisemitische Aktionen in Deutschland an, und dieses und das und das Verbrennen der israelischen Fahne werde man nicht dulden. Ich vermisse ein irgendwie geartetes Bedauern darüber, dass die Palestinian Territories seit über 50 Jahren besetzt sind – „kaputt besetzt“, sagte Prof. Helga Baumgarten gerade. Vor einer Zeit konnte ich von Jerusalem aus Ramallah erreichen, ohne eine Tagesreise zu machen. Es wartete hier eine Versammlung von etwa 40 Männern auf mich, Männer mittleren oder älteren Alters, die sich die Minimal Art, die ich poetisch mitbrachte, höflich anhörten und einer erhob sich und rezitierte Shakespeare für mich, auswendig, es muß ein komplettes Sonett gewesen sein. Sie waren abgeschnitten von vielem, was in der Welt vor sich ging. Ein anderes Mal verkleidete ich mich als Siedlerfrau, damit ich die Grenze ungehindert passieren konnte und besuchte ein palästinensisches Projekt in Susya, das mit israelischen Unterstützer innen verbunden war. Ramallah ist jetzt eine Tagesreise weit weg. Israelische Freund*innen sagen, bleib weg. Bleib weg. Werte diese militaristische und rassistische Gesellschaft nicht auf. Vor dem Lockdown hatte ich erneut nach Ramallah kommen wollen. Die Leute in Beer Sheva verstanden nicht, dass ich mich entscheiden mußte.


Wir sagen ja hier schon seit längerem, es sei antisemitisch, wenn ich nach Israel gefragt würde. Tja, diese Frage stellt sich, ob ich das möchte oder nicht und es würde meine Sicherheit auch erhöhen, wenn die israelische Regierung sich entschließen könnte, Frieden zu wollen, mit der Hamas zu reden, die unwürdige Okkupation zu beenden. Einmal traf ich die Frauen in Schwarz, die protestierend auf King George stehen, jüdische Frauen, die Gegnerinnen der Okkupation sind. Manche sind Kinder, jetzt schon Kindeskinder von Holocaust-Überlebenden. „Als wir anfingen, hier zu stehen, hätten wir niemals geglaubt, dass ich mit weißen Haaren noch immer hier stehen würde.“, sagte eine. Man muß Haaretz dieser Tage lesen, die israelische Zeitung. Wie oft habe ich die Newsletter der Jüdischen Stimme gelöscht, oder die von Uri Avnery und jetzt von Adam Keller. Ich finde das beschämend. Ich habe sie nicht gelöscht, weil es mir an Sympathie fehlen würde. Ich löschte sie, weil ich an nichts, buchstäblich an nichts glaubte, was ich dazu tun könnte, damit sich die Verhältnisse bewegten. Man könnte doch die Siedler*innen nach Hause schicken, dahin woher sie gekommen sind ... oder sie könnten eine Minderheit in einem palästinensisch-israelischen Föderalstaat bilden, wenn sie das wollen, allerdings müßten sie dann die Waffen abgeben.

Dagegen nimmt sich unsere innerdeutsche Debatte für oder gegen BDS-Befürworter*innen und darüber, ob jemand noch einen öffentlichen Raum beanspruchen darf, der sich dem israelischen Kolonialgedanken verweigert, aus wie ein Ringelpiez, obwohl das auch ernst ist. Sehr ernst. Wenn die Deutschen die jüdischen Menschen in Gestalt des israelischen Staats so lieben, wie es regierungsmäßig und überhaupt verlautbart wird, dann wäre es doch sinnvoll, dass der Freund dem Freund, dass die Freundin der Freundin sagt, es müßte doch nach einen halben Jahrhundert der Versuch gemacht werden, Frieden zu wollen. Diese Provokationen im Fastenmonat Ramadan – was soll das ... Soll ich darüber abstimmen, ob ich Palästinenser* innen für Menschen halte. „Kein Verständnis für Fahnen abbrennen ...“ – ich habe kein Verständnis für Vertreibung und Okkupation. Ich sah ein Schild an einem Strand zum Meer stehen: „For Jews only“. Ich gehe da nicht baden.



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