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I. Korrespondenz Sasha - Max



Max,


wer hätte gedacht, dass der Titel der ZDF-Sendung, zu der wir geladen werden, lautet: „Und hier diejenigen, deren Namen das Internet ausspuckt, wenn man Antisemitismus googelt“? Okay, wir wussten es. Aber die Leserschaft wird denken, wir machen Scherze. Sie wird denken, wir übertreiben. Die Realität schreibt immer noch die surrealsten Situationen, nervig nur, dass man sie abschwächen muss, um glaubwürdig zu bleiben.


Ehrlich gesagt, bin ich im Nachhinein sauer auf mich, dass ich das Interview nicht schon beim Vorgespräch abbrach, als die Moderatorin auf deine Nachfrage hin, wen außer uns beide sie sonst noch interviewt, flapsig zurückgab: „Na alle diese Namen, die man halt bekommt, wenn man Antisemitismus googelt.“ Ich bin sauer, dass ich nicht reagiert habe, als sie im Vorgespräch sagte, sie habe mit Ara Gürlers Agenten den Preis für zwei seiner Fotografien verhandelt und weil der Agent Armenier ist, sei er hart im Verhandeln. Und vor allem bin ich sauer auf mich, dass ich immer wieder sauer auf mich selbst bin, wenn so etwas passiert, anstatt sauer auf diejenigen zu sein, aus denen dieser ganze giftige Müll herausquillt und mir die Ohren und die Nase verstopft. Ich hege ja immer wieder aufs Neue diese naive Hoffnung, dass ich solche Fragen nie wieder hören muss: „Wie fühlen Sie sich als Jude* in Deutschland?“ „Aber es ist doch besser geworden oder nicht?“ „Es macht mich traurig, dass Sie sagen, es wird nie wieder alles gut. Warum denn?!“


Let´s leave it. Beat it. Ich höre viel 80er in letzter Zeit. Das ist die Auswirkung des Lockdown-Schmockdown auf mein Gemüt. Ich habe festgestellt, dass es seit Prince und Whitney Houston kaum erträgliche Gute-Laune-Musik gibt (außer im Bereich des Hip-Hop natürlich), zumindest für mich. Janelle Monae und Lizzo tun alles, was in ihrer Macht steht, um dieses neue Jahrhundert nicht vollends trist aussehen zu lassen, aber ich fürchte, ich habe die beiden schon vor der Pandemie zu viel gehört und zu oft (und jedes Konzert besucht, das irgendwie erreichbar war). Die 90er waren musikalisch, vor allem im weißen Spektrum, eine einzige Katastrophe, über die Nullerjahre müssen wir nicht reden, so bin ich also in dem Jahrzehnt, in dem ich geboren bin, gelandet. Auch weil es für mich Neuland ist. Weil in meiner Kindheit keine Musik die Wohnung füllte, vor allem keine aus dem Westen. Aber meine Spotify-Algorithmen haben den dramaturgischen Bogen raus: Erst kommt „Under Pressure“, dann „Kiss“, dann „Jews don´t cry“ und dann „We can be heroes just for one day“. Dazu tanzte ich dann erstmal ordentlich in meiner Küche, nachdem ich von unserem verunglückten Interview zurückgekommen war und nicht wusste, wohin mit meiner Wut (und wann ich aufhören könnte, sie gegen mich zu richten).


Weißt du noch, wir schrieben einmal, jüdische Kultur ist etwas, das man feiert. Wenn wir sie nicht feiern, bleibt sie unsichtbar. Aber wo feiert man, wenn Feiern eingestellt wurde? Wenn es wenig zu feiern gibt? Die Clubs sind zu, die Gayhane gibt es mittlerweile nicht mal mehr im Stream, unsere Küchen haben schlechte Boxen (und/oder wir haben empfindliche Nachbar*innen), und ich sehe nur mein zappelndes Spiegelbild in dem dunklen Fenster, das zur Nacht hinausgeht. Und du hampelst zu Radio Russkij Berlin beim Nudel-Kochen irgendwo in der benachbarten Monade. Die gute Nachricht ist, dass Radio Russkij Berlin bald den Deutschlandfunk übernehmen wird bzw. wird Radio Russkij Berlin bald Deutschlandfunk sein. Ein Synonym. Und Yuriy Gurzhy moderiert die wichtigsten Sendeplätze, so dass der Morgen beginnt mit: „A gijtn morgn! Hier ist Radio Emigrantski Raggamuffin Yiddish Berlin, wir haben den Krieg gewonnen! Nein, es ist nicht der 8. Mai, wir begrüßen euch ab jetzt so JEDEN MORGEN, AN DEM IHR AUFSTEHT. Farstanen?!“ Was würde ich für einen solchen Morgen geben.


Während ich Anti-Depressions-Playlists erstellte, fiel mir ein, dass Lizzo und Janelle Monae von Prince protegiert wurden – und alle drei sind ganz oben auf meiner Empowerment-Spotify-Liste –, also dachte ich über Vorbilder nach. Über unsere Förder*innen und jene, denen wir nacheifern.


Irgendwo bei Toni Morrison las ich einmal, dass sie sich eine Zeitlang afrikanischen Autor*innen zuwandte, um zu wissen, wie Menschen schreiben, die nicht rassifiziert sind. Die Schwarz sind, aber deswegen nicht Anders. Die mit „erhobenem Kopf“ schreiben, so, meine ich, ging die Formulierung. Diejenigen, die andere Themen umtreiben als Rassismus. Sie entscheiden selbst, worüber sie sprechen wollen und lassen sich keine Themen oktroyieren. Ich denke darüber nach, welche Künstler*innen und Denker*innen das für mich wären. Gibt es diese überhaupt für mich? Und kann es eine marginalisierte Position geben, die nicht gegen einen Widerstand anschreibt, sondern sich selbst und ihre Themen außerhalb der Gewalt, die sie täglich erlebt, wählt? Kann man selber bestimmen, was einen umtreibt? „Ich wollte unbedingt außerhalb des weißen Blickfelds schreiben - nicht in Opposition dazu …“, so Toni Morrison. Aber geht das? Und wenn ja, wie? Was wäre ein solcher Raum für dich und für mich?


Was unsere Vorbilder und geistige Ahnen angeht, haben wir dazu ja bereits eine Ausstellung gemacht, und dort hing Toni Morrison neben Hannah Arendt neben James Baldwin neben Peaches neben Malcom X neben Yaşar Kemal neben Hulk. Michal Bodemann ist sicherlich ein geistiger Vater, der den Gedanken vom Gedächtnistheater formulierte, in dem wir für die Deutschen "die Juden" spielen – und wir fügten hinzu: „Und die Deutschen spielen für uns die Kartoffeln.“ Jedoch sind das alles Stimmen, die in Opposition zur Dominanzkultur schrieben und schufen (außer Hulk, wir mochten nur sein Anger Management). Sie lebten und leben in Opposition, sie schöpften und schöpfen ihre Kraft daraus, und nicht wenige gingen an den Umständen dieses Lebens zugrunde.


Also zurück zu meiner Frage: Kann man außerhalb des Machtzentrums schreiben, ohne sich auf es zu beziehen oder sich an ihm abzuarbeiten? Kann man sich vollends desintegrieren, wie deine Forderung – der Titel deines Essaybands – heißt? Wird es eine Generation von Jüdinnen und Juden geben, die Allianzen mit anderen Minderheiten geschlossen haben und bei unangenehmen Interviewsituationen nicht in Erklärungsnot geraten, sondern das Gespräch abbrechen, ihre Tasche packen, ihre Leute anrufen, einen Joint drehen und über neue Serien reden? Ist Desintegration realisierbar oder eine Wunschvorstellung davon, wie wir leben wollen, und wir streben immer wieder – wie auf einen Regenbogen – auf sie zu, versuchen dabei alle möglichen Tanzschritte? Behaupten wir, desintegriert zu sein, bis wir es sind - nach dem Motto: Fake it till you make it? Werden wir es irgendwann sein? Wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, wo ich keinen „Juden“ mehr spiele im Gedächtnistheater der Deutschen? Can we be heroes (just for one day)?


Grüße von der Karl-Marx-Allee,


kiss

Sasha

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