Und stammten aus ganz Europa. Ritchie-Boys

Aktualisiert: Juni 3

Ich schaute in der Zeitleiste nach: DIE BEFREIUNG. Am 3. März 1945. Wahrscheinlich Bunker Wintershall. Heringen an der Werra. Eine dreißigjährige Frau mit kurzen Haaren und sehr großen Augen und ein achtjähriges Mädchen mit Zöpfen stehen hinter der schweren Eisentür. Auch der Bunker gehörte zu einem der wichtigsten Rüstungskonzerne dieses Staates. Was machen die Amerikaner in diesem gott-verlassenen-Ort, warum rollten die Panzer da? Ich verstand es erstmal nicht. Es war nicht miterzählt worden. Kriegsproduktion unter Tage, Zwangsarbeiter und der versteckte Goldschatz des Deutschen Reiches, alles hier, ganz nah.


Bei Google Maps sind es 29 Minuten per Auto von Heringen an der Werra nach Fulda. Die Straßen waren nicht so wie heute und ein Panzer fährt nicht wie ein VW Golf. Wie kam ich auf Fulda? Das hatte mit den Ritchie-Boys zu tun und damit, dass ich den Film über sie angesehen hatte. Zusammen mit meiner Tochter. Sie muß über zwanzig gewesen sein. Ich wundere mich, eigentlich schaute sie sich zu dieser Zeit kaum etwas mit mir zusammen an, wohnte auch woanders, und ja, wie soll ich es sagen, sie hielt Abstand. Es muß also sehr außergewöhnlich gewesen sein, dass sie zusammen mit mir den Film anschaute. Die Mail, die ich danach verschickte, datiert vom 12. April 2007. Es wird also so gewesen sein: Wir hatten den Film zusammen angeschaut. Nachdem wir die Ritchie-Boys angesehen hatten, fragte ich: „ ... und waren Sie auch in Fulda?“ Meine geografischen Kenntnisse waren begrenzt und ich verwechselte ständig Bad Hersfeld und Fulda. Ich war bei meiner Frage einem Familiengedächtnis gefolgt, einer Erzählung, die ich schon vor langer Zeit einmal gehört hatte, aber niemals ganz genau. So wie ein Kind etwas hört, das den Gesprächen der Erwachsenen zuhört, während sie glauben, es sei in ein Spiel vertieft.

Diese Zeitleiste habe ich erst fünfzehn Jahre später angelegt und da bin ich draufgekommen, dass es gar nicht Fulda war, sondern Bad Hersfeld, das noch näher dran war. 29 Minuten näher und nicht 50 Minuten näher. Und da warst du und die Boys. Du hast Nazis verhört. Die Frau mit den kurzen Haaren auch, wahrscheinlich in Philippstal, als Dolmetscherin. Sie trug ein von einem Commander gezeichnetes Papier bei sich, das sie schützen sollte, wenn die Truppen wieder abzögen und es erneut zur Verfolgung von jüdischen Menschen kommen sollte. Du kamst zusammen mit den Befreiern, du warst ein Befreier und konntest nicht wissen, dass hinter der schweren Eisentür zwei Menschen hofften, dass die Geräusche der Panzer näherkommen würden, und dass sie mehr als drei Jahre auf diesen Tag gewartet hatten. Sie hatten an diesen Tag geglaubt. Im Untergrund Englisch gelernt, sie waren davon überzeugt, dass sie es brauchen würden. Sie brauchten es.

Das achtjährige Mädchen ging euch zusammen mit seiner Mutter entgegen. Sie hat davon später erzählt, lag im Bett und streckte ihre Beine an diesem Sommertag unter der Bettdecke hervor. Es war heiß im Zimmer. „Und, wie war das?“ Sie würde gerne haben, dass ihr jemand einen Tee macht. Ihr ist nicht ganz wohl heute. „Und, wie war das?“ Jemand macht ihr einen Tee. Die Tasse wird noch dampfend vor sie hingestellt. Sie nimmt sie hoch, bläst kühlende Luft über die schwappende Flüssigkeit und stellt die Tasse vorsichtig wieder hin. „Das kann man nicht trinken“, sagt sie, „und ja, ach so ja: Ab da begann das Paradies.“ Du hattest nichts von diesen beiden Menschen gewußt, die auf dich gewartet hatten wie eben auf das Paradies. Jetzt warst du das Paradies. 62 Jahre später sagte ich dir das, sozusagen, ganz genau, sagte dir, wie sie hießen, die beiden Menschen hinter der Bunkertür, die auf dich warteten. Ich war noch lange nicht auf der Welt, als diese Dinge geschahen. Auf das Mail, in dem ich dir schrieb, dass du der warst, auf den sie warteten, du und die, die mit dir waren und dass du sie befreit hast ... Rückantwort von dir: „You made my day.“

Ich habe auch noch einen praktischen Vorschlag. Es ist ja so, dass sich die Gemeinden und Städte manchmal darum kümmern, ob ihre Straßennamen noch zeitgemäß sind, ich meine, ob sie nicht einem ehemaligen Nazi oder Kolonialherrn huldigen: Ritchie-Boys, das kann man doch machen, Straße der Ritchie-Boys. Das spricht sich auch gut. Sie waren Kämpfer, zockten nicht mit Krupp, Eisen und Stahl, ließen keine Arbeiteraufstände niederschlagen – und stammten aus ganz Europa.

… Oder: Ritchie-Boys-Platz, Brücke der Ritchie-Boys, Ritchie-Boys-Avenue


Vorabdruck aus: Esther Dischereit, Straße der R. oder Ritchie Boys Avenue, Brücke der Ritchie Boys geht auch in: Hrsg. Frederick Lubich, Von der Exilerfahrung zu der Exilerforschung, Zum Jahrhundertleben eines transatlantischen Brückenbauers, Festschrift zu Ehren von Guy Stern, Würzburg, 2021



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