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V. Korrespondenz Sasha - Max

Max, mein Max,


so ist es wohl, wir haben alles vergessen. Oder haben wir es nicht gewusst? Wenn Wissen Mangelware ist – gefaktes Wissen die Nachrichtenkanäle und damit auch unsere Köpfe verstopft –, wenn „der Gegenstand, der vor uns liegt“, so schwer zu begreifen ist, wie James Baldwin damals in Eine Straße und kein Name geschrieben hat, dann werden wir es vermutlich nie erfahren. Die Reproduktion der althergebrachten Phantasmen wird gewinnen, weil sie leichter zu haben ist.


Ein*e Freund*in aus den Dagesh-Kreisen schickte mir einen Link zu einem Vortrag von Christina Sharpe auf youtube: Black. Still. Life. (https://www.youtube.com/watch?v=fEkltTe-NR4&feature=youtu.be) Unter anderem spricht die Professorin für Englische Literatur und Black Studies darin über die voyeuristische Lust, die Weiße dabei empfinden, wenn sie Schwarzes Leid verbreiten: Videos zum Beispiel, die die Jagd auf wehrlose Menschen zeigen, die Prügel, die Verhaftungen – man beachte: Sharpes Keynote Speech ist von 2018, also noch bevor Black Lives Matter anlässlich des Todes von George Floyd weltweit Aufwind bekam. Die Lust daran, Schwarzes Leid auszustellen, Schwarze Körper gegeneinander kämpfen zu sehen, geht bekanntlich weit in die Geschichte zurück. Schwarze Versklavte wurden von Plantagenbesitzern gezwungen, mit bloßen Händen oder mit Hämmern aufeinander loszugehen. Es winkte eine kleine Belohnung. Oder gar keine. (Oder auch: Der als Sklave geborene Tom Molineaux erboxte sich seinen Weg in die Freiheit - “thanks to his strong fists with which he fought many other slaves in what was a great source of entertainment for the local plantation owners whom he slaved for.”)


Christina Sharpe spricht von einer Kontinuität voyeuristischer Lust am Leid seit der Versklavung und Verschiffung dieser Menschen. „I remain uninterested in memorial narratives that offer black suffering as a path way to healing and reconciliation. Because: who is being reconciled, to what and for what?” Und ich dachte darüber nach, wie in dem Ausstellen des Schwarzen Leides durch Weiße stets auch die Komponente einer perversen Siegessicherheit steckt. „Hier, schaut, hier sind die geschundenen Körper!“ Es muss den Leuten eine Art Befriedigung verschaffen. Und war es nicht Nietzsche, der mahnte, „wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter." Und kommt sich womöglich noch gut dabei vor.


Ich will nicht auf die lange Kette an gravierenden Unterschieden zwischen der 400-jährigen Versklavung Schwarzer Menschen in den USA und der Schoah in Deutschland eingehen, sie ist lang, sie ist komplex und nicht mein Thema. Aber ausgehend von Sharpes Vortrag dachte ich über den Umgang mit jüdischem Leid bzw. dem Leid der Marginalisierten hierzulande nach. Über die geradezu ekstatische Freude von Dominanzdeutschen, den Holocaust in allen Details immer und immer wieder als ihre Gedenkfeier zu inszenieren. Sie holen sich einige auserwählte Kinder und Enkelkinder der Schoah-Generation vor die Kameras und fordern sie auf, dass sie ihnen in möglichst eindringlichen Details berichten, wie man ihre Familien zu vernichten versucht hat, was sie dabei verloren haben, wie sie immer noch traumatisiert sind etc. Bei Saul Friedländer finden wir zum Thema Kitsch in der Darstellung Nazi-Deutschlands und seiner Verbrechen den Hinweis, dass wir über die psychische Dimension sprechen müssen, wenn wir die Attraktivität rechten Gedankenguts analysieren. Es gehe nicht um präzise Argumente oder klare ideologische Positionen, so Friedländer, es gehe um Bilder und Gefühle. Diese sind unterfüttert mit Phantasmen. Zum Beispiel mit dem vom ausgemergelten Juden in gestreifter Uniform oder von der gefügigen, mit den Nazis kollaborierenden Jüdin. Koffer, Stacheldraht, Leichenberge. Und heute: schwarze Kleidung, Kerzen anzünden, Stolpersteine. Wer auf der Klaviatur des Bekannten spielt, wird gehört. Das, was leichter zu haben ist, gewinnt immer.


Bilder von Bärenjuden, die mit Baseballschläger durch die Straßen ziehen, stehen nicht so hoch im Kurs der deutschen Gedenkveranstaltungskultur. Nachfahren von Partisan*innen und Widerstandskämpfer*innen werden seltener gesucht und porträtiert, und das Reden über lange schon dokumentierten jüdischen Widerstand (und den Widerstand anderer Verfolgter und Internierter, etwa der Sinti und Roma, der Homosexuellen) vermisse ich bis jetzt in der Feier von „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Und habe sie schon immer vermisst.


Angesichts all der Mikrofone, die einem ins Gesicht gehalten werden, habe ich das Gefühl, die eigentliche Bitte lautet: „Erzähl mir, wie ich versucht habe, dich auszulöschen! Erzähl mir, wie du gelitten hast, wo du dich versteckt hast, wen du dafür opfern musstest, um selbst am Leben zu bleiben! Sprich darüber, wie gefährlich es nach wie vor für dich ist!“ Wenn man auf diese Gesprächsangebote eingehen will, hat man Platz vor den Kameras dieser Republik. Gedächtnistheater: Die Sprechrollen sind knapp, die Hauptrollen bereits besetzt, die Dramaturgie folgt einem strikten Muster.


Wie erzwungen diese Staatstrauer ist, verdeutlicht die letzte Studie, die besagt, dass 42 Prozent der Deutschen meinen, „Juden reden zu viel über den Holocaust“ (und ich frage mich natürlich, ob es dieselben sind, die voll und ganz oder mindestens tendenziell dem Satz zustimmen: „Homosexuelle sollten aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen“ - laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind es 43,8% der Bevölkerung). Diese Leute ignorieren, dass man in Deutschland nur als Jude gesehen wird, wenn man über den Holocaust spricht (oder über Antisemitismus, klar). Sie sehen einen Juden nur, wenn er sich dafür rechtfertig, dass er lebt, oder wenn er sich darüber beklagt, dass man ihm nach dem Leben trachtet. Und das machen sie ihm dann zum Vorwurf.


Die treffendste Beschreibung unserer Forderung nach „Desintegration!“ kam bereits 2016 von Dirk Pilz, (zichrono livracha!): „Desintegration bedeutet: Ich mache nicht mit. Es bedeutet aber gerade nicht: Ich halte mich raus.“ Und das stimmt: Desintegration heißt, sich immer wieder einzumischen. Unbequeme Paria zu sein, wie Hannah Arendt schrieb. Politische Subjekte, aktive Andere. Und wenn wir schon bei Arendt sind: Mich beschäftigt ihre Unterscheidung zwischen den angepassten Anderen und den sichtbaren Anderen. Und ich frage mich, ob wir das immer wieder aufs Neue betonen müssen, dass Assimilation ins Verderben führt. Wir werden nicht erst durch Antisemitismus zu Juden. Wir waren es schon vorher. Der Versuch meiner Vernichtung definiert nicht, wer ich bin. Und die Suche danach, wer ich bin, gehört nur mir.


Und gleichzeitig ist es, wie du schreibst: Allein ist man erledigt. Zusammen erledigen wir das. Wir müssen voneinander wissen, damit wir handeln, damit wir uns schützend voreinander stellen können.


In diesem Sinne müssen wir wissen, wo die Koordinaten unseres Sterns (wie nennst du ihn? Unseren Schmockwitz-Chralottengrad-Krojzberg-Karl-Marx-Davidstern?) durch diese Stadt verlaufen. Wir laufen ihn ab, Kopfhörer auf den Ohren gegen den Lärm der müden Stadt. Christina Sharpe am Mikrofon.


Love

S.


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