VI. Korrespondenz Max - Sasha

Sash, my best,


viel zu lange ist es her, dass ich dir geantwortet habe. Entschuldige, die Zeit verdreht mir gerade mal wieder den Kopf! Es gibt sprachliche Register für solcherlei korrespondentiellen Verzögerung, eingeübt in Jahrhunderten des nachlässigen Briefeschreibens, verzögerter Postwege, störrischer Maulesel, ozeanischer Sturmfronten, Schneewehen und bissiger Hunde in spießigen Vorgärten. Ich ziehe also diese Sprachschublade des aufgeschobenen Gesprächs heraus und schreibe: viel hat sich verändert. Aber stimmt diese Phrase überhaupt? Hier? Irgendwann? Als wir mit dem Blog begannen und ein Großteil der Korrespondenz bereits vorlag, war beispielsweise immer noch kein Frühling geworden. Dabei hatten wir Anfang Mai. Die Vögel sagen wie verrückt, die Nächte waren schon spürbar kürzer geworden und die Tauben schauten mir mit schrägen Köpfen auf den Frühstückstisch. Alles hatte sich vorbereitet auf die Wärme und in den Nächten stürzte die Temperatur einfach unbeeindruckt weiter Richtung Nullpunkt. Ich lasse das als Metapher stehen für die Gesamtsituation. Ich will hier zum Abschluss nicht noch über den Virus schreiben und nicht über die Maßnahmen, die von unseren Privatleben fast nichts mehr übrig lassen und uns den Platz von Arbeitsmaschinen zuweisen. Selten ist das Menschenbild dieser Gesellschaft und ihrer Produktionsform so deutlich und aller ideologischer Verzierungen entkleidet vor einem gestanden. Privatleben ist ein verzichtbarer Luxus. Aber bald haben wir auch das wieder vergessen und stellen uns vor, diese Gegenwart habe das Potential, uns glücklich zu machen, wenn mans nur richtig anstellt. Schau aus dem Fenster. Scheint die Sonne nicht schön? Nun gut, es gibt zumindest Wege, sich den Einweisern zu entziehen, die im Foyer warten und einem sagen, wozu einen das eigene Gesellschaftsticket berechtig und wozu nicht. Wir haben darüber geschrieben. Bei uns hieß dieser Weg: die Theaterarbeiten als eine Art accelerationistische Intervention in die Gegenwart. Ihr habt Angst, dass Juden die Welt regieren? - Zu Recht, weil wir übernehmen den Laden jetzt! Oder wir gründen zur diesjährigen Bundestagswahl einfach die Jüdische Union Deutschland (JDU) und machen unser eigenes Wahlprogramm: Mazzeknödel und Carmelwein für alle, Steuerfreiheit für Humus und Baba Ganoush, Antifaschismus wird Staatsdoktrin, die Polizei bekommt statt Wasser- einfach Falafelwerfer, Samstag wird zusätzlicher gesetzlicher Feiertag, womit wir die fünf-tage-Woche einführen. Außerdem werden die Kreuze aus deutschen Insitutionen (Bayern) entfernt. Humboldforum wird im Rückgabestelle umbenannt und die Präambel des Grundgesetzes bekommt einen Zusatz in dem steht: es wird nie wieder alles gut! ...Undsoweiter, ich bin mir sicher, dir fallen auch noch ein paar Dinge ein. Ich meine, so eine Partei muss doch Erfolg haben, alles unter 12,6 Prozent wäre ein Skandal, immerhin schafft das ja auch die letzte deutsche Nudelpartei aus dem Stand mit einem Programm, welches aus dem untersten Fach verstaubter Holztruhen auf dem Dachstuhl der Ewiggestrigen stammt. Das ist genau die Antwort, die ich gerne geben würde, wenn Leute so reagieren, wie du es in deiner letzten Email beschreibst und wie ich es ja auch immer wieder erlebe: höh, sollen wir jetzt gar nicht mehr über Antisemitismus sprechen? Nein, das hast du falsch verstanden. Es geht darum, dass wir selber festlegen, wann und wie wir über Israel, Shoah und Antisemitismus sprechen. Die Arbeiten von Esther und Levi sind ja gute Beispiele dafür. Es geht also darum, ein Verständnis davon zu bekommen, wie Juden*Jüdinnen in diesem Land als Juden für Deutsche erzeugt werden. Und um die Frage, wie man dem eine eigene Perspektive entgegensetzen könnte. In den letzten Monaten hat eine Diskussion um die sogenannte Identitätspolitik in nahezu allen Feuilletons des Landes stattgefunden. Angesichts der Unschärfe des Begriffs fragte ich mich lange, was damit eigentlich gemeint sein sollte. Dann schaute ich mir die Beispiele an, die die Kritiker*innen anbrachten, und mir fiel auf, dass von Blackfacing über Gender/Queer bis Humboldtforum eigentlich stets Formen der Diskriminierungskritik abgewehrt wurden. Wie lame ist das denn? Es geht gar nicht um eine bestimmte politische Strategie, es geht wirklich einfach nur um die gute alte langweilige boomerige deutsche weiße Abwehr von Diskriminierungskritik. Wären die Kritiker*innen ehrlich, müssten sie also sagen: wir glauben nicht, dass Diskriminierungskritik für unsere Wähler*innen eine Rolle spielt. Und dann würden wir antworten: ihr benehmt euch so, als wären eure Wähler*innen allesamt in den 1950er Jahren stehen geblieben, als Deutschland tatsächlich ein ethnisch und politisch weitgehend gereinigtes Land war. Daran wird deutlich, dass das natürlich Ausdruck einer Fantasie ist. Aber diese Fantasie ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer Trägheit einer Tradition politischen Nachdenkens darüber, was eine Gesellschaft ist, wie sie funktioniert und wer dazugehört. Dem muss man gegenüberstellen, dass eine Anerkennung der Gegenwart und der Gefahren, auf die sie antworten muss, immer auch Diskriminierungskritik heißen muss. Und dass die Pointe einer solchen Gegenwartsbewältigung darum vorerst nicht Versöhnung heißen kann, sondern die Anerkennung der Untröstlichkeit derjenigen, die auch heute die Abwesenheit ihrer Familien betrauern. Das wird nicht wieder gut.


Der Fernseh-Journalistin aus einer der ersten Nachrichten von dir, die das es-wird-nie-wieder-gut aus Desintegriert Euch! nicht ertragen konnte, antworten wir: ihr Gefühl formt den Kern der Erwartung, die Menschen hierzulande mit der Thematisierung von Diskriminierung verknüpfen: wenn wir erinnern, bekommen wir dafür Versöhnung. Als wäre Versöhnung eine gesellschaftliche 5-Minuten-Terrine, bei der nach tausenden Jahren Diskriminierung ein paar Jahrzehnte symbolische Aufarbeitung ausreichen, um den Hunger nach Gerechtigkeit zu stillen. (Bisschen pathetisches Bild, aber es funktioniert).


Nein, so läuft das nicht. Während die andere Seite Versöhnung erwartet, bleiben wir untröstlich. Und aus dieser Untröstlichkeit entsteht die Kunst. Das ist es, was ich am Ende noch sagen wollte.


Curly ausm Görli,

Dein Max


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